Warten, immer warten

Wer schnell denkt, muss lange warten.

Wie ich mich gedulden muss, mit meiner vorhandenen Denkschnelligkeit, ist eine Geduldsprobe. Vorbei die Zeiten, als ich mich letztlich genau nur auf mich verlassen habe und mein Tempo einhalten konnte.

Ich denke immer, bevor ich mich bewege, ich musste das immer, weil mir schon immer die Kraft und Ausdauer fehlten, ich musste zuerst wissen und genaustens zum Voraus abschätzen und dann erst in Tat umsetzen.

Böse Überraschungen hätten mit meinen Behinderungen böse geendet, also schätze ich instinktiv sämtliche Risikofaktoren ab und überlege, will ich sie, will ich sie nicht.

Rein körperlich habe ich mich genau einmal für Stunden in Todesgefahr begeben, das war die Gspaltenhornhüttewanderung. Mein Führer, der mich an der Hand hielt, war junge 21 Jahre alt, ich schon weit über 50, meine Kinder erwachsen.

Wir haben uns nie vor und nie nach der Wanderung gesehen, wir hatten 30 Sekunden Zeit, meine Technik zu lernen und zu schauen, ob die beiden Körper wie ein Puzzle zusammen passen, längst wusste ich, dass nicht alle Körper mit mir im Gleichschritt laufen können, insbesondere, wenn ich auf zwei Viertelarmlängen hinten bin.

Frauen, boten mir ihre Hilfe an, Frauen, die gewichtsmässig leichter und zierlicher sind, konnte ich nie einsetzen, musste immer höfliche Ausreden suchen, wenn sie sich selbst überschätzten.

Wie bei einem schlafenden Kind, wird mein Körper entsetzlich schwer, wenn ich mein Gewicht z.B. nur auf dem falschen Fuss habe. Mein Gewicht muss im Verhältnis zur Bewegung am bestmöglichen Punkt sein und dann erst geht es easy.

Wie oft in meinem Leben habe ich gesagt: „Warten, mein Gewicht ist noch nicht dort, wo es sein soll.“ In der Kletterhalle ist es dann offensichtlich: Die Extremität, die die Hauptlast des Gewichts trägt, kann unmöglich weiterbewegt werden.

Ich bin gut geklettert, ich war wie ein Wiesel unterwegs und gestern habe ich zu meinem Erstaunen noch nicht meinen fulminanten Kletterabgang gemacht, aber einen fulminanten Abgang:

Menschen ohne Behinderungen unterschätzen routinemässig die Sportlichkeit von Menschen mit Behinderungen: Wir sind meistens Vollprofi, durchtrainiert, haben seit kleinster Kindheit täglich Physio gehabt, was ohne Behinderung zu einem Versuch einer Sportkarriere führen würde: Allrounderinnen sind wir: War diese Bewegung gemeistert, kam jene dazu, oft sind wir Bewegungsnimmersatt. Das dürfen wir so gut, wie alle andern, das ist ein Menschenrecht, seine Bewegungslust ausleben zu dürfen, solange frau weder sich noch andere gefährdet.

Also wollte ich gestern mit meinem Team in die Kletterhalle, zwei davon haben die Kletterausbildung, zwei sind CPs, also sportliche Vollprofis und eine Person ist eher unsportlich, wollte eigentlich nur sichern und nur hilfreich zur Hand gehen.

Ich sicherte zuerst die zweite Klettererin, dann machte ich Kletterversuche und dachte nichts Böses dabei. Trotz meinem Elefantengewicht muss das erstaunlich leichtfüssig ausgesehen haben, „ich möchte auch“ machte die Runde.

Nun bin ich nicht die Person, die anderen ihr Vergnügen missgönnt. ABER, ich bin Chefin, ich will NULL Sportunfälle in meinem Team.

Da kam dann die Kletterhalle ins Spiel: Die hatte im letzten Jahr einen tödlichen Unfall, was gegen die Halle juristische Konsequenzen gehabt haben muss, sie ist nicht mehr offen, sondern gleicht der Hektik eines Flughafens mit Kontrollen und Eingangs- und Ausgangsschleusen. Die zu unterschreibende Selbstverantwortung muss haftungsmässig nicht reichen, ein tödlicher Unfall war einer zuviel.

Ich besprach mich mit dem einen Hallenbesitzer, weil zwei CPs und die Klettererin an die Wand wollten, eine Person davon würde stehen wollen und mit den Händen klettern, ich durfte eine Matte holen lassen und unter eine Bahn legen, falls diese Person das Gleichgewicht verlieren würde, was beim Ausstrecken der Arme und der Konzentration aufs Greifen schon mal vorkommen kann.

Während eine Person plötzlich Kletterlust zeigte und ich ihr erlaubte, einen Klettergurt holen zu gehen, sicherten wir zu zweit die dritte Person, die scheinbar völlig harmlos nur an der Wand am Boden stand und rumdum griff mit den Händen.

Dann kam ein junger, sich selbst als topausgebilderter Kletterlehrer Verstehender, der nur im Sinn hatte meine unsportlichste Teilnehmerin, welche die grösste und schweste Person der Gruppe ist, in die HÖHE klettern zu sehen.

Echt, habe ich ein Interesse daran Assistenzstunden zu bezahlen für gefährliche Sportarten als Chefin, die voll logisch auf gesunde, gut funktionierende ArbeitnehmerInnen angewiesen ist?

Ich wollte den Sportlehrer wegschicken, sein Problem war definitiv nicht meins, er war elementar begriffsstutzig, obwohl er x Behindikurse mitgeleitet hat und Behindis klettern zuerst IMMER waagrecht, üben Greifbewegungen OHNE Höhe. Seitwärts wird Erfahrung gesammelt, ein Klettergurt gleicht angeseilt bei einem Gleichgewichtsschwanker das Gewicht aus.

Mein Team wurde in der Folge auseinandergerissen, was ich schon in der Einladung untersagt hatte. Das zweite CP und ich allein gelassen, mussten unsere Aktivitäten sofort einstellen und ich bekam ultimativ schlechte Laune.

Wenn Kletterer etwas nicht dürfen, dann nicht Rücksicht zu nehmen auf die Teamgesamtleistung. In den Bergen kann das heissen, zu entscheiden über Leben und Tod. In der Halle ist es völlig unangebracht, weil das zweite CP das Glücksgefühl, was ich ihm schenken wollte, nicht voll auskosten konnte, ich selbst habe nur eine halbe Route geklettert, der Abbruch der Übung war für mein gesamtes Team nur ärgerlich.

Mit dem Leben spiele ich nicht, weder mit meinem noch mit dem mir anvertrauter Menschen, ich nicht.

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