Wichtige Akzentverschiebung

Neulich habe ich einen Nachruf von Kinderärztin Dr. Köng hier gepostet.

Sie ist in diesem Jahr fast 98 jährig gestorben, macht als Geburtsjahr 1921, Ich bin 1958 geboren. Ich finde es interessant, wie sich die CH in diesem Zeitraum gesellschaftlich verändert hat.

Bis in die Hälfte des letzten Jahrhunderts waren Menschen mit Behinderungen, wenn sie denn überlebten, versteckt aus mehreren Gründen:

  • Sie entsprachen nicht dem elterlichen Wunsch
  • Wenn die Religion reinspielte, waren sie der lebende Beweis für den Nicht-Segen Gottes. Noch heute praktiziert z.B. die kath. Kirche Exorzismus.
  • Was nicht sein soll, wurde diskriminiert, gesellschaftlich und religiös.
  • Die Erkenntnis, dass medizinische Behandlung helfen könnte, muss irgendwie, irgendwo gewachsen sein, ob von Anfang an innerhalb der Schulmedizin oder zufällig ausserhalb entzieht sich meiner Kenntnis.
  • Betroffene Eltern und Geschwister haben eine Vielzahl von Reaktionen gezeigt, die Behinderungen sind auch innerhalb der CP ganz unterschiedlich, schon als Kind bekam ich das erste Buch von Christy Brown, „Mein linker Fuss“ zu lesen. Er geb. 1932 ist für CPs ein Vorkämpfer, seine Mutter eine, die in ihrer positiven Bedeutung herausragt, seine Geschwister so viele, dass er mit einfachsten Mitteln ein heute in der CH immer noch unerreichtes Fernziel, Inklusion, erleben konnte.

Als Daumenregel gilt, dass die Frauenbewegung früher entstanden ist als die Bewegung der Menschen mit Behinderungen. In Wellen geht es vorwärts, dann gibt es Rückschläge, Latenzzeiten, in der CH herrscht momentan die nackte Angst für Menschen mit Behinderungen, seit den 90er Jahren und der Erfindung des Unwortes „scheininvalid“.

War vorher von Inklusion die Rede, was Sinn machen würde, geht es heute darum, wie verwahrlost erwachsene Menschen mit Behinderungen ihr Leben aushalten müssen. Zwar gibt es ein Wissen um die Hochbegabungen von Menschen mit Behinderungen, Inselbegabungen bei Autisten, Charaktereinschätzungsfähigkeit bei Down Syndrom, aber grundsätzlich werden Behinderungen nur als Defizite definiert, selbst Autisten, die Computerbegabungen haben, werden in eigenen Firmen beschäftigt, nur ab und zu ausserhalb.

Zurück zu Dr. Köng: In den 60er Jahren war sie beruflich etabliert und in der Hochblüte ihrer ärztlichen Tätigkeit. Die 60er sind eine Hochblüte des Fortschrittsglauben und so krempelten alle die Ärnel hoch und frau tat.

Im Nachruf steht die herausragende Begeisterungsfähigkeit Dr. Köngs. Damals war eine solche Haltung erwünscht und erlaubt, heute gilt sie als Verdacht auf Manie.

Ich selbst war ein Bewegungsmensch, wäre es noch heute, wenn mir meine Gesundheit es erlauben würde. Ich muss mich sowas von Am-Riemen-reissen, mir helfen zu lassen, was mir meine Gesundheit dankt, sehe es ein, zu ungewohnt für mich das Procedere.

Also Begeisterungsfähigkeit stösst auf Zappelphilippin und Bewegungsfreak. Zudem ahmen Kinder mit Behinderungen die Bewegungen älterer Geschwister nach, das wurde mir auch von Polio erzählt wurde, ist systemimmanent auch unter gesunden Geschwistern, erst Recht will ein defizitär Kleines alles tun, um ortho zu werden, es ist sich seiner Stärken noch nicht bewusst.

Nun sind wir viele Jahrzehnte später: Begeisterungsfähigkeit gilt, ach was sind wir psychologisch geworden, als Gefährdung für… und dann kommen all die psychiatrischen-psychologischen Pseudoerkrankungen. Eine durch und durch gute, menschliche Eigenschaft ist per se negativ, kann sofort negativ ausgeschlachtet werden und gilt dann als rein persönliches Versagen.

Im legalen und illegalen Drogenrausch stechen Menschen hervor, die NICHT irgendwie sediert sind, bzw. künstlich aufgeputscht. So hat eine völlig unnatürliche Akzentverschiebung punkto Begeisterungsfähigkeit stattgefunden, die nach meiner Meinung nicht längerfristig zukunftstauglich ist. Entweder kommt irgendwann ein Erwachen oder in einem Riesenrausch geht alles unter.

Da ich Rausch hasse, werde ich am Rand stehen, wohl eher sitzen und zuschauen. Meine Begeisterungsfähigkeit lasse ich mir von keiner Schulmedizin mehr stehlen. Erst beim Lesen des Nachrufs Dr. Köng ist mir bewusst geworden, dass wir uns beide darin wohl zu ähnlich gewesen sind und ich deshalb ungebremst mal zwei oder drei oder vier, je nachdem, wen alles ich dazu zähle, mich bewegt habe, völlig ohne Rücksicht auf Verluste.

Wenn ich heute bewegungsmässig gebremst werde, dann MUSS ICH NOCH VIEL KONZEPTARBEIT LEISTEN: Was mir gesamtgesundheitlich GUT tut, ist mir inhaltlich völlig fremd.

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