„Sind Sie es?“…

… werde ich gefragt am Telefon. Eine gute Frage, ob ich die Gleiche bin wie letzten Winter oder eine Andere. Offentönlich hört sich meine truamaverarbeitete Stimme neu sogar anders an. Einen schöneren Beweis kann ich mir für meine Traumaverarbeitung nicht vorstellen.

Wie oft stand ich vor meinem Badezimmerspiegel, inspizierte meine braaunen Augen und flüsterte verschreckt, deine Stimme, dein Tonfall reizt die meisten Menschen bis zur Weissglut. Ich wusste es, wusste es nicht zu ändern und lebte weiter mit dem Kainsmal an der Stirn, dich dürfen alle geniessen. Das haben sie und wie!

Solange ich in Chefsposition stand, in meinen evang.-ref. Pfarrämtern, war meine Meinung angesehen, wurde mehr oder weniger respektiert, von den KonfirmandInnen eher weniger. Damals muss meine Berufung, meine absolute Hingabe an meinen Beruf, alles überstrahlt haben.

Danach gab es nichts mehr zu strahlen, ich war zum Freiwild mutiert, über Nacht, einzig und allein um das Leben meiner jüngeren Tochter zu retten.

Damals hatte ich in meinem Studierzimmer an meinem Pult gesessen und abgewogen, mit welcher Schuld ich leben könne. Ich konnte genau zwischen zwei Übeln wählen, Verarmung mit dem nicht garantierten, aber hoffentlichen Überleben der damals ca. 13-Jährigen oder Pfarramt, weltlicher Ruhm, der Preis konnte für mich zu hoch sein, angeblich sollte meine jüngere Tochter vom Fahrrad vor ein schnell fahrendes Auto geschubst werden.

Ihre Gesundheit war längst labil, eigentlich schon hinüber.

So sass ich da mit mir und Gott und entschied mich für meinen beruflichen Untergang zugunsten des Lebens meiner Jüngeren. Heute weiss ich, dass diese Entscheidung richtig ist, meine jüngere Tochter lebt, sie ist gerade 27 Jahre alt geworden, ich habe mein Minimalziel erreicht.

Was ich mir nicht vorstellen konnte, war der mehr als steinige Weg, nie schien die Talsohle erreicht, auf Leid konnte mehr Leid getürmt werden, oft war ich am Ende mit meinen Kräften und durfte, Gott weiss wie, überleben.

Wie gross war meine Sehnsucht nach besserer Lebensqualität, wie oft wollte ich nur noch weltlich einigermassen über die Runden kommen und wurde enttäuscht. Mein Kampf gegen die Windmühlen war lang und hart, die Antwort denkbar einfach: Elektrorollstuhl!

Nun wünsche ich mir noch einige friedliche Jahre und dann tschüss, ab aufs Wölkchen, das des Trompetenorchesters und die Kleinste, Lauteste wartet geduldig auf mein Erscheinen. Soll sie noch eine gute Weile warten, jetzt habe ich Zeit und Lust zu leben!

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