Es überrascht mich

Ich bin verblüfft, wieviel Arbeit es ist, zu sein, nicht arbeiten zu können und sein Behindertenseinprogramm abzuspulen. Durch die frischgewonnenen Stabilität möchte ich gewisse Dinge wieder tun, die ich während zwei bis drei Jahren nicht tun konnte. Seit wenigen Wochen spiele ich wieder Trompete. Musik machen gehört zum Leben für mich, ich muss nicht gut Trompete spielen können, aber ich will ins Spiel meine Emotionen legen können, Immer ein Thema, wie drücke ich mich emotional aus. Mir wurde so viel aberzogen.

Natürlich ist meine Mimik verarmt, aber ich musste immer hübsch und adrett aussehen, Grimassen verboten. Weinen, traurig sein, nicht erlaubt. Lachen? – Hör damit endlich auf, so wie du gluckst dabei, hört es sich total behindert an.

So eingeschpurt, kann nichts Gutes rauskommen, ich bin automatisch auf Farben, Töne, Bewegungen in meinen vier Wänden und Clownerei in der Öffentlichkeit ausgewichen.

Meine Behinderung provoziert, meine direkte, offene und ehrliche Art lässt Fassaden erzittern und einstürzen. Jetzt bin ich alt, habe Erfahrung und weiche jedem Konflikt aus, dem ich ausweichen kann. In meiner Jugend wollte ich die Welt verändern, heute wage ich es kaum noch, mich zu verändern.

In meiner Exgarage hatte ich genau eine Bezugsperson, die ausgerechnet im hintersten Büro sitzt. Rein ins Autohaus, nicht rechts abbiegen zum Chef, im Stechschritt zur Theke und dort atemlos fragen: „Ist Oskar da?“, der sehr oft von der Theke sichtbar im kleinsten Zimmerchen hinter seinem Pult arbeitend sitzt. Dieses Zimmerchen betrete ich selten genug, mit Schuhgrösse 41 muss ich meine Zehen einrollen.

Meine momentane Dringlichkeit ist, dass ich eine neue Autooccassion möchte und mir das nicht selbständig organisieren kann und das weiss. Der Skoda ist in die Jahre gekommen, ich auch. Mein Reisebedürfnis ist geblieben und Lasten heben bzw. schleppen, kann ich immer weniger gut. Zudem hat es in meinem Wohnblock RollifahrerIn, mit denen ich vielleicht mal in den Ausgang möchte, ohne dass ich armes Kerlchen ÖV können muss.

Gut, für mich geht die Triage blitzartig. Mein Wunschauto:

https://www.paraplegie.ch/orthotec/de/mieten-und-occasionen/occasionen/occasions-fahrzeuge

Das soll ich dann logisch und umständlich begründen, damit Oskar meine Kundinnenwünsche rausfiltern kann und mit der Occassion vergleichen. Im Vorbeigang muss der arme Oskar gleich mitlernen, dass ich mit Traumatherapie nie mehr Jojo sein werde und in keine Depressionen mehr abstürzen werde wie gehabt. Die Traumatherapie verändert mein Leben nachhaltig.

Also es geht ums Reisen können in einem Zugfahrzeug für Kürzestreisen, den WoWa hänge ich an, wenn ich an einem Zielort verweile, dann lohnt sich für mich, meinen Triton aufzustellen und dann mache ich es gerne. Ist die Zeit zu kurz, bedeutet das für mich nur Arbeit und Stress, das beschauliche Meditative fällt voll weg. Stress kann ich nicht mehr, schlicht nicht.

Wenn ich mich im Skoda noch recht gut umziehen konnte vor gefühlten 10 bis 3 Jahren, so habe ich heute mit mindestens 7 kg Übergewicht Mühe, die Kabine ist zu niedrig, auf dem Bett kann ich liegen bzw. nur mit gestreckten Beinen sitzen. Genau, die Hosen sind zu eng, viel zu lang oder schweisszerknüllt.

Das Trotti war früher der Knüller als Fitnessgerät, ein Velo möchte ich beim Verladen nicht anheben müssen. Ich sags immer, Frau wird älter, sie rollt sich langsam ein.

Als ich jung und dumm war, bin ich in den USA gerne VW-Bus gefahren. Als ich kein Auto hatte, lernte ich eine Frau mit vier Kindern kennen, die Familienkutsche war entsprechend voluminös, mit der ich gelegentlich fahren durfte, bevor ich wieder ein eigenes Auto hatte. Wenn ich Gespann fahren kann, kann ich auch eine 22 cm breitere Zugmaschine alleine fahren.

Als Alleinauto taugt dieser Wagen für mich nicht, Stichworte Wintertauglichkeit und Benzinverbrauch: Nicht immer muss ich mit einem Mercedes rumflutschen können. Ab und zu das Sterngefühl, das macht mir auf der emotionalen Ebene Spass.

Völlig überraschend muss Oskar mit Fahrzeugumbauer und pie, pa, po abklären, ob ich eine Anhängekupplung montieren kann. Weil umgebaut, sei das anders. Im Internet steht, dass diese Autos sogar meinen Beduin anhängen können. – Allein der Gedanke, dass ich könnte, wenn ich wöllte, lässt mich in Freudentränen ausbrechen. Ich muss nicht jedes Sternchen am Himmel in die Realität holen. Ich könnte, wenn ich wollte. Optionen zu haben fühlt sich grossartig an.

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